Darf es mir gut gehen, obwohl es mir schlecht geht?

Es ist Montag, der 7. September 2026. Gestern konnte ich nichts machen, außer schlafen, essen, im dunklen Zimmer liegen, ein wenig auf den Balkon gehen, und ein wenig lesen. Ich habe aktuell zu ME/CFS noch einen akuten Infekt, der meine „Baseline“ nochmals weiter senkt. Es geht mir also gerade noch schlechter als sonst und ich kann noch weniger tun.

Der gestrige Tag war, so wie ich ihn eben beschrieben habe. Aber gleichzeitig war er es auch wieder nicht. Obwohl ich mit Halsweh, einer verstopften Nase, dem Gefühl, nicht ausgeschlafen zu sein und sich elendiglich schwach zu fühlen, aufgewacht bin, ging ich in der Früh zielstrebig zu meiner Balkontür, die ich über Nacht zwecks Lüften (in meinen vier Wänden staut sich noch immer die Sommerhitze) geöffnet hatte, und versuchte, zu atmen.

Ich sah, dass der Himmel blau war, keine Wolke am Himmel und die Sonne leuchtete. Ich streckte mich – soweit möglich – durch und atmete die Luft. Ich hörte Vögel zwitschern, ich sah grüne Bäume in einem ansonsten verdorrten braunen Park. Ich blickte in die Föhren, sah meine blühenden Balkonpflanzen und war einfach nur zufrieden mit diesem Moment.

Kurz darauf begann meine Nase zu rinnen und ich musste mich schneuzen. Der zufriedene Moment wurde unterbrochen. Nichtsdestotrotz war er da. Es ging mir für einen Moment lang gut. Und dieser Moment zählt. Denn in Wahrheit ist das ganze Leben eine Aneinanderreihung von Momenten.

Ein furchtbarer Tag – oder doch nicht?

Ich könnte jetzt schildern, wie furchtbar der Tag sonst noch so verlaufen ist. Wie viele Taschentücher ich verschneuzt hatte, wie fad es war, als ich im dunklen Zimmer im Bett lag, um zu ruhen, wie anstrengend es war, mir das von meinem Freund liebevoll für mich vorgekochte Essen aufzuwärmen, und so weiter, und so fort. 

Doch so empfand ich den Tag nicht. Ich verbrachte den Tag mit einer Aneinanderreihung an zufriedenen Momenten. Ich war glücklich, als das dampfende heiße Wasser meine Teetasse mit Salbei-, Thymian- und Spitzwegerich-Düften aromatisierte (von denen ich allerdings nichts roch, weil Nase zu). Ich war zufrieden, als ich am Balkon einen Schluck davon nahm und gleichzeitig mit verdunkelter Sonnenbrille und Kappe, damit mich das Sonnenlicht nicht direkt anstrahlte, saß und meine Umgebung beobachtete.

Für einen Sonntag war es angenehm still. Die Kinder, die ansonsten im Garten spielten, hatten ihre Aktivitäten hinters Haus verlegt. Keiner der Nachbarn grillte (wobei ich das dieses Mal nicht gerochen hätte). Ich genoss einfach jeden Moment, obwohl es mir eigentlich offiziell nicht gut ging. Das bringt mich zu der Frage dieses Textes: Darf es einem gut gehen, obwohl es einem eigentlich schlecht geht?

Es darf einem auch kurz gut gehen in unmöglichen Lebensrealitäten

Ich behaupte: Ja, darf es. Es darf mir gut gehen, obwohl es mir eigentlich schlecht geht. Ich darf schöne Momente erleben, das Leben genießen, auch wenn ich gerade akut krank und chronisch krank mit ME/CFS bin. Ich weiß, dass einige meiner Miterkrankten solche Momente mit ME/CFS gar nicht mehr erleben können, weil die Krankheit so weit fortgeschritten ist, dass alles, was „schön“ ist, sie nur noch weiter in die Überlastung hineintreibt.

Daher bin ich umso dankbarer, dass, mir dieses Glück vergönnt war, gestern schöne Momente zu erleben. Einfach im Sein. Ohne Druck, unbedingt etwas erleben zu müssen. Keine „Fear of Missing Out“ (FOMO), wie sie von sehr vielen Menschen heutzutage erlebt wird. So viele sind ständig unterwegs, weil sie Angst haben, etwas verpassen. Angst, ihr Leben zu verpassen.

Rein objektiv betrachtet verpasse ich gerade mein Leben. Denn das, was davon übrig ist, spielt sich immer gleich ab. Aufstehen, essen, schlafen, essen, schlafen. Dank ME/CFS bin ich weitgehend an mein Zuhause gefesselt. Es ist da nix mit „viel erleben“. Schnell dorthin, schnell dahin, schnell schnell schnell. Schnell geht gar nichts mehr bei mir. Trotzdem lebe ich. Und ich empfinde mein Leben als „leben“.

Ist „größer“ wirklich immer besser?

Natürlich wünsche ich mir, dass mein Leben eines Tages wieder „größer“ wird. Ich bekomme auch regelmäßig den unbändigen Wunsch, einen Ausflug zu machen. Um ein wenig auszubrechen aus meiner sehr kleinen Welt. Und ich möchte auch wieder „größer“ denken. Gleichzeitig kann ich auch einfach im Moment zufrieden sein. Wie es soweit kommen konnte, weiß ich, ehrlich gesagt, nicht. Natürlich habe ich jahrelang meditiert. Ich habe mich jahrelang mit der Lehre der Achtsamkeit beschäftigt. Aber ist das jetzt der Grund, warum ich einfach sein kann, ohne unbedingt und ständig etwas zu wollen, ohne ständig in die Zukunft oder Vergangenheit zu blicken? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es schön ist. Es ist eine Fähigkeit, die ich jedem Menschen wünsche. Egal ob krank oder gesund.

In dieser Welt, deren Takt sich verändert hat, die sich immer schneller dreht, die geprägt ist von Unsicherheit, Desinformation und Klimawandel, in der sich Demokratie aufzulösen droht, kann jeder Mensch Momente gebrauchen, in denen man einfach nur zufrieden ist mit diesem einen Moment. Die Krise ist nach diesem Moment auch noch da. Krankheiten wie ME/CFS sind nach diesem einen Moment ebenso nicht weg. Aber der Moment hilft einem, besser damit umzugehen. Diese tiefe Verbundenheit mit sich selbst, mit der Erde, mit seinem Sein. Ich wünsche es wirklich jedem.

Wir allen könnten von diesen Momenten des Verbundenseins mit sich selbst profitieren

Oft lassen Existenzängste, Lebenssituationen, Krisen, Getriebenheit, psychische Zustände und vieles mehr solche kleinen, feinen Momente nicht zu. Doch sie sind so wertvoll. Ich glaube nämlich, wenn wir alle weniger FOMO hätten, alle weniger „wollen“ würden, alle mehr aufeinander achten würden, wir uns wieder mehr spüren würden, wäre die Welt eine bessere. Und alles davon ist getrieben von diesen Momenten, in denen wir mit uns selbst einfach zufrieden sind. Wir sind uns genug. Wir sind einfach da. Und zwar genauso, wie wir gerade sind. In meinem Fall bedeutet das, genau so da zu sein, wie ich gerade bin: akut krank mit einem Erkältungsinfekt und mit diversen chronischen Krankheiten wie ME/CFS, MCAS, POTS und Endometriose, die mein Leben radikal verändert und auf den Kopf gestellt haben.


Gestern Abend, als die Sonne unterging, war die Welt wieder für einen Moment für mich in Ordnung. Ich atmete, ich lebte, ich sah, wie die Sonne sich hinter den Bergen senkte und der Tag vorüberging und dachte: Wieder ein Tag zu Ende. Aber es war ein schöner.