
Als ich im Oktober 2023 an meiner zweiten Sars-Cov-2-Infektion erkrankte, hatte ich nicht damit gerechnet, dass dies das (vorläufige?) Ende meiner Karriere bedeuten würde. Ich war fast 20 Jahre lang hauptberuflich Journalistin (nebenberuflich Moderatorin, Speakerin und Buchautorin sowie ehrenamtlich engagiert). Ich versuchte nach meiner akuten Infektion wieder zu arbeiten. Doch das ging nicht lange gut. Die Symptome waren zu stark. An jenem Tag im November, bevor gar nichts mehr ging, recherchierte und schrieb ich noch einen aufsehen erregenden Artikel, der weltweit von mehr als hundert journalistischen Angeboten zitiert wurde. Auf der Plattform, für die ich arbeitete, erreichte er alleine an einem Tag über 50.000 Leser*innen.
Doch ich war nach den zwei Wochen, die ich mich nach meiner Infektion im Home Office hinter den Schreibtisch gequält hatte, ein Wrack. Nach dem Finalisieren und Redigieren des Textes, dem Einpflegen in unser CMS-System fiel ich ohne gegessen oder geduscht zu haben, mit der zigsten Schmerztablette ins Bett. Ich war erschöpft, mir tat der ganze Körper weh, meine Nase ronn, ich hatte einen Druck auf der Brust, meine Schultern waren hart wie Beton, ich hustete, meine Muskel reagierten komisch und waren schwach. Mir tat körperlich alles weh, was einem wehtun konnte. Ich wusste, dass ich nicht gesund war. Was ich nicht wusste: Dass dies mein letzter Arbeitstag und mein letzter Artikel sein würde.
Der Abschied
Zwei Jahre später folgte im Dezember 2025 der endgültige – einvernehmliche – Abschied in der Redaktion. Ich nahm im Büro meines ehemaligen Chefredakteurs Platz und erzählte ihm von meinem „Jahres-Highlight“: Ich hatte es 2025 zu meinem Geburtstag zur Alten Donau geschafft. Mit ME/CFS eine großartige „Leistung“. Für „Gesunde“ etwas, das sie an jedem Wochentag locker zwischendrin einschieben konnten, wenn sie wollten. Nach zwei Jahren krankheitsbedingter Abwesenheit in der Redaktion gab ich meine Zutrittskarte zurück und verabschiedete mich mit diesem Akt endgültig aus meinem „alten“ Leben.
Zum ersten Mal seit zwei Jahren sah ich meine ehemaligen Kolleg*innen wieder, mit denen ich zuvor fünfzehn Jahre lang zusammengearbeitet hatte und wusste gleichzeitig, dass ich nie wieder dazugehören würde. Ich packte meine Sachen zusammen, die sich über die Jahre im Büro angesammelt hatten. Und mir wurde bewusst, dass ich diesen Schreibtisch, an dem ich so viele Jahre als Journalistin gesessen hatte, nie wieder sehen würde.

Ein paar Sticker, eine Kanne und ein Poncho
Viel nahm ich nicht mit nach Hause: meine bunte Teekanne, die mir jahrelang den Alltag im Büro versüßt hatte, meinen Poncho zum Aufwärmen, den ich gebraucht hatte, wenn die Klimaanlage einmal wieder zu kalt eingestellt war, und ein paar NSA-Sticker, die Freunde von mir vor über 10 Jahren, als der Skandal rund um Edward Snowden aufgedeckt wurde, gedruckt hatten und die sich großer Beliebtheit erfreut hatten. Dass es so wenig war, das ich einpackte, lag auch daran, dass wir unsere Arbeitsplätze im Zuge eines Umzugs bereits zweimal ausgemistet hatten und ich bei diesen Gelegenheiten schon vieles losgelassen hatte.
Mit dem Zurückgeben der Zutrittskarte ging jedoch mehr zu Ende als „nur ein Job“. Ich war (bin?) Journalistin mit Herzblut. Wer die Serie Mozart in the Jungle kennt, weiß, was „Herzblut“ bedeutet: Herzblut macht den Unterschied zwischen jemandem, der einen Job erledigt, und jemandem, der für eine Sache brennt, sich in ihr spürt, in sie hineinfällt und sich ihr mit Herz und Seele hingibt. Viele Leser*innen haben mir im Laufe der Jahre dafür gedankt, dass ich mich in meine Geschichten, die ich recherchiert und veröffentlicht habe, etwas bewegen konnte. Mit einigen Geschichten konnte ich Dinge zum Positiven verändern oder Diskussionen anstoßen. Darauf bin ich bis heute sehr stolz.
Wenn mich jemand fragt, welche Geschichten das etwa waren, das waren meine 3 persönlichen Favorites:
Das verschleierte Lobbying der Mobilfunker
Was der neue AMS-Algorithmus für Frauen wirklich bedeutet
Axel Voss vs. Julia Reda: Stimmungsbild vor dem Urheberrechtsvoting
Mit dem Zurückgeben der Zutrittskarte habe ich nicht nur einen Job beendet. Ich habe einen Raum verlassen, in dem ich viele Jahre lang tätig gewesen bin. Ich weiß nicht, ob oder in welcher Form ich jemals in dieses Leben zurückkehren werde können. Was ich aber weiß: Es hat existiert. Es war echt. Und es hat Spuren hinterlassen.
Manchmal ist das Einzige, was man tun kann, anzuerkennen, dass etwas zu Ende ist. Nicht aus einem Scheitern heraus, sondern weil das Leben eine andere Richtung genommen hat, als man sie je geplant hätte. Ich hatte nicht geplant, so schwer krank zu werden, dass ich nicht mehr arbeiten kann. Mein Körper hat mir Grenzen gesetzt, die ich nie in mein Leben eingeplant hatte. ME/CFS hat mein Leben verändert, es umgeschrieben, still und leise, ohne meinen Willen.
Ich war Vollblut-Journalistin. Das hört aber nicht einfach auf, nur weil der Körper nicht mehr mitspielt. Es lebt weiter. Vielleicht anders, vielleicht langsamer, reduzierter – aber nicht weniger wert. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen.
An jenem Tag, an dem ich meine Zutrittskarte im Büro zurückgegeben habe, setzten die üblichen Symptome, die Teil einer „Post Exertional Malaise“ (PEM) sind, bereits sehr früh – nämlich am Heimweg – ein. Ich bekam starke, vom Nacken ausgehende Kopfschmerzen, mir wurde schwindelig, der Tinnitus legte ordentlich zu, und ich musste mich sofort danach hinlegen. Ich fühlte erstaunlicherweise emotional nicht viel. Es war, wie als hätte ich schon davor mit allem abgeschlossen. Ich fühlte mich vor allem erleichtert, es endlich hinter mich gebracht zu haben, diesen letzten, formalen Akt des Abschieds.